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morgens ging es dann gleich wieder in die klinik, er lag so hilflos dar. ich
war mit meinen nerven am ende, ich konnte nicht mehr, meine kraft war
aufgebraucht.
den ganzen tag saßen mein mann und ich an florians bettchen. ich rieb ihm
die füße und beine, sie waren schon am auskühlen. die durchblutung
funktionierte nicht mehr, der tod war in ihm.
ich habe wieder gebetet, daß florian sterben darf.
ja, ich wollte es, ich wollte ein ende der qualen für mein kind und für alle
beteiligten.
in gedanken sagte ich ihm immer wieder, das er sterben darf, das alles gut
wird, und das ich ihn liebe. immer und immer wieder, unendlich viele male...
er war noch so klein, ich hätte mir so gewünscht, das er schon sprechen
könnte, so dass er meine worte verstehen gekonnt hätte. aber da wir eine
sehr feste bindung hatten, fühlte ich, dass er mich auch so verstand.
oft hatte ich stille zwiegespräche mit florian, auch über seinen tod hinaus.
zwei schwestern sagten mir im nachhinein, sie hätten nicht gedacht, dass
florian die letzte nacht überlebte.
florian hatte einen so langen sterbeweg.
es ist der 30. april 1987, sein todestag, heute ist florian genau 26 wochen
alt.
ich reibe seine füße, bis nachmittags, doch dann werden auch die hände kalt.
am abend schickte uns schwester kirsten nach hause, sie meinte wir müßten mal
etwas essen. eine bedingung meinerseits ist, falls florian in dieser zeit
sterben sollte, soll uns kein arzt benachrichtigen, sondern sie. wir wollen
es von einem "familienmitglied" mitgeteilt bekommen. die schwestern sind
doch florians familie, sie sind alle so lieb zu ihm und zu mir.
wir fahren also heim, kirsten hat es versprochen obwohl es nicht
üblich sei. ich habe keine ruhige minute, will sofort zurück. wir gehen
gerade die türe raus, als das telefon klingelt, ich weiß genau wer da
anruft.
mein exmann hebt den hörer ab, ich höre mit, und richtig, sr. kirsten ist
dran.
florian ist gerade verstorben.
als dieser satz ausgesprochen ist, fühle ich mich wie ein luftballon. die
ganze zeit war irgendwie kraft da, doch jetzt darf ich schlapp machen, die
luft geht raus. ich falle zusammen, es war körperlich so stark zu spüren.
schnell unsere eltern und die paten benachrichtigen, und dann holen wir noch
blumen. wir kommen im krankenhaus an, uns läuft schwester kirsten auf der
station entgegen. sie ist am weinen und fällt mir um den hals und wir weinen
zusammen, ich habe das gefühl, ich muß sie trösten. das ist kein negatives
empfinden, im gegenteil so weiß ich florian wird geliebt und vermißt.
Wir drei gehen zusammen ins zimmer, da liegt florian so friedlich. zum erstenmal nach
langer zeit, sehen wir florian ohne schläuche.
er hat es geschafft!
florian war leider schon gebadet und neu angezogen, die kleider
habe ich am mittag gerichtet. wir bringen ihn zu dritt nach unten in den
totenraum. ich bin erstaunt, der raum ist nicht so wie ich ihn mir
vorgestellt hatte, er ist sogar gemültlich eingerichtet. aber es tut so weh,
das liebste was ich habe muß nun allein da liegen bleiben. es ist keine
zeit, richtig abschied zu nehmen. erst müssen wir florian schnell von der
station bringen, dann muß schwester kirsten wieder zurück und wir durften nicht
bei unserem kind bleiben.
es ist viel zu schnell gegangen, um überhaupt etwas zu florian sagen zu
können. kein ich habe dich lieb oder ich werde dich nie vergessen.
nur kirsten spricht noch mit ihm, sie erklärt ihm, was sie macht.
- florian ich lege dich jetzt hier hin, dann muß ich dich zudecken.
schlaf gut -
dann sagt sie noch zu uns, dass sie auch florians gesicht zudecken muß, und
schon sind wir wieder draußen.
zusammen gehen wir nach oben auf die intensiv. wir bekommen noch etwas zu
trinken angeboten und erzählen noch etwas mit den schwestern, es ist ruhig
auf der station denn es ist nacht und alle kinder schlafen schon. sie
erklärt uns, daß einige kinder mit dem sterben warten würden bis die eltern
weg seien, wahrscheinlich wollen sie es sich selbst und den eltern leichter
machen. obwohl ich gerne dabei gewesen wäre, denn irgendwie habe ich das
empfinden, ihn allein gelassen zu haben. allein in der zeit die es endgültig
gemacht hat, die uns für immer körperlich trennt. ich mache mir große
vorwürfe gegangen zu sein, wie konnte ich nur gehen?
auch die erklärung der schwester kann sie mir nicht nehmen.
war irgend etwas wichtiger als bei florian zu bleiben? sechsundzwanzig
wochen war ich bei ihm und ausgerechnet in der stunde seines todes war ich
nicht für ihn da. was bin ich für eine mutter? mehr kann ich nicht denken,
ansonsten war nur leere in mir. wir verabschieden uns und dann gingen wir.
so waren damals noch die gesetze. ich weiß, daß es heute anders ist, und es
macht mich traurig und wütend, daß ich nicht richtig abschied nehmen durfte.
inzwischen habe ich akzeptiert, das florian es so wollte, das ich nicht da war.
die schuldgefühle sind nicht mehr da, aber der weg dahin war schwer.
heute vermisse ich es für mich selbst, ich hätte ihn gerne im arm gehalten und
begleitet bei seinem weg auf die andere seite.
nun verlor ich auch noch „mein zuhause, meine familie, die menschen die
florian und mich so gut kannten“.
schwester kirsten erzählt uns noch, das florian um 21.52 uhr verstorben sei, und
kurz vorher war er noch auf dem arm von ihr gewesen und hatte die
augen geöffnet. durch die extreme kreislaufbelastung, die der stark
verkleinerte brustkorb mit sich brachte, kam es schließlich zum
herzstillstand. auch wenn er friedlich eingeschlafen ist, war es kein
friedliches sterben. durch die vielen wochen, in denen florian starb, konnte
es kein frieden sein. so hart es sich anhört, aber mein exmann und ich sind
seit florians tod der meinung, dass er verreckt ist. ich weiß, es ist ein
schlimmes wort, aber ich finde kein anderes.
am nächsten morgen sind wir schon früh ins krankenhaus gefahren, sprachen
noch mit den schwestern, und dann gingen wir mit zwei säcken vollgestopft
mit florians habseligkeiten.
wie furchtbar, wie grauenvoll. am liebsten hätte ich die kleider und das spielzeug florian
mitgegeben.
ein scheußliches gefühl!
ich war so leer...
der alltag im krankenhaus ging weiter, und ich fühlte mich so
ausgeschlossen. schon jetzt gehörten wir nicht mehr dazu!
überall wo ich hinschaute ging ein ganz normales leben vor sich, doch mein
kind war tod. für mich ist die welt zusammen gebrochen, ich konnte nicht so tun,
als ob nichts passiert wäre. mein leben war ins wanken gekommen, in der nacht als die meisten
feiern waren. bis heute würde ich nie zum "tanz in den mai" gehen, das wäre für mich ein
verrat an florian. damals, als wir aus der klinik kamen hätte ich am liebsten alle
angeschrien und ihnen gesagt, wie könnt ihr nur? heute gönne ich es allen aber für mich
kommt es nicht in frage.

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