• Startseite
  • Einleitung
  • Schwangerschaft & Geburt
  • Erste Tage
  • Nach Hause?
  • Diagnose
  • Glück & Angst
  • Wir kämpfen
  • Auf und Ab
  • Der Kampf geht weiter
  • Der letzte Tag
  • Die Zeit danach
  • Trauerrede
  • Trauerkarten
  • 1998
  • 21. Geb/Todestag
  • 2007
  • Heiko
  • Danke
  • Sternenkinder & Links
  • Florians Sternenfamilie
  • Lesenswertes
  • Geschenke
  • Kerze anzünden
  • Gästebuch
  • Weltgedenktag
  • hilfreiche Links
  • Kontakt
  • Impressum
  • das beerdigungsinstitut holte florian am 3. mai von der klinik ab, nun kam er in die leichenhalle unseres friedhofs. die paten kauften noch einmal neue kleider für florian, und er wurde vom institut umgezogen. ich besuchte florian jeden tag, ich mußte versuchen wenigstens dort abschied zu nehmen. damit ich abgelenkt wurde, gaben mir florians paten ihr kind, mein patenkind, so hatte ich eine aufgabe. dominik war ja auch noch klein, er wollte sein essen haben und versorgt werden. ich setzte mein patenkind in florians kinderwagen und ging spazieren. endlich konnte ich einmal mit florians kinderwagen fahren. es hat mir sehr geholfen, dass ich dominik hatte. ich habe mich oft gefragt, ob das jemand anderes gemacht hätte?

    ist da nicht die angst, die verwaisten eltern könnten einem selbst etwas nehmen?

    ich bin auf jedenfall unendlich dankbar dafür.

    in der todesanzeige schrieben wir nur:

    e r l ö s t !

    unseren gefühlen nach umschrieb das alles, sein schreckliches und doch liebevolles leben.

    am 6. mai 1987 wurde florian in ludwigshafen beerdigt, jeder hatte die möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen. er sah auch nach einer woche noch gut aus, nicht anders als kurz nach seinem tod. der sarg war bis zuletzt auf, als er geschlossen wurde habe ich gedacht alles in mir zerreißt. ich gab ihm zwei stofftiere mit und ein kettchen mit einem kreuz. neben dem sarg stand seine taufkerze, sie war mit maiglöckchen von der patentante geschmückt worden. der pfarrer hat die beerdigung wirklich ausgesprochen gefühlvoll gehalten, er ist ganz auf uns eingegangen. es war damals seine erste kinderbeerdigung, alle merkten, das er sehr viel seiner eigenen gefühle einbrachte. für uns eltern war es erstaunlich, dass jemand, der florian nicht kannte, auch traurig war. es war ein anderer pfarrer wie bei der taufe, da wir florian von dem pfarrer aus der heimatgemeinde meines mannes haben taufen lassen.



    meine letzten worte an florians offenem grab:

    „ ich habe dich lieb“

    nach der beerdigung gingen wir mit der familie, freunden und einigen bekannten kaffee trinken. eigentlich wollte ich kein beerdigungskaffee, aber es waren zu viele von außerorts. im nachhinein muß ich sagen, dass es eine sehr angenehme atmosphäre war. bis heute kann ich nicht sagen wer genau alles da war, aber es hat mich sehr gefreut, dass auch krankenschwestern gekommen sind. oder eine weitläufig bekannte, sie hat bis zum vortag selbst im krankenhaus gelegen und hatte am gleichen vormittag von florians beerdigung und von seinem tod erfahren. so wie sie war, kam sie zur beerdigung, schnell besorgte sie sich einen schwarzen mantel und kam. sie hatte sich wie oft entschuldigt, aber mich störte das nicht im geringsten. ist das nicht toll, sie konnte selbst kaum gehen, kam mit einem gipsbein zu florians beerdigung!?

    die meisten hätten wohl gesagt, ich kann jetzt noch nicht dahin gehen, ich bin doch selbst erst gerade zuhause. mir hat es auf jedenfall sehr viel gegeben, nach der erfahrung, das viele sich zurückgezogen haben, tat gerade diese erfahrung gut. abends waren meine eltern und meine schwester mit ihrem mann bei uns, so waren mein mann und ich nicht alleine.

    als florian ca. 4 wochen tod war, haben mein mann und ich einen grabstein und eine grabeinfassung ausgesucht. kurz vorher habe ich mich, mit schwester kirsten sie war bei florians tod dabei gewesen ist, beraten wie der grabstein aussehen könnte. sie hatte die idee eins von florians bienchen, von der spieluhr, in den grabstein meißeln zu lassen. mir gefiel der einfall wirklich gut. wir selbst wollten maiglöckchen haben, so haben wir auf die maiglöckchen ein kleines bienchen setzen lassen. der steinmetz hat es sehr gut geschafft das alles plus der inschrift auf einen relativ kleinen stein unterzubringen.

    ich bin täglich mindestens fünfmal auf den friedhof gegangen, ständig wollte ich in der nähe von florian sein. ich wollte dem friedhof eine bank spenden, sie sollte bei den kindergräbern aufgestellt werden. unser friedhofsverwalter meinte aber, er würde mir eine bank besorgen und sie schnellstens aufstellen lassen. er war sehr verständnisvoll, da er selbst auch ein kind verloren hat, er konnte nachvollziehen was in mir vorging. das grab war mein ein und alles, am liebsten hätte ich alle ungepflegten gräber bepflanzt, aber ich wußte nicht ob ich das durfte. ich fühlte mich all diesen kindern so verbunden, ich konnte es nicht ertragen ihre ungepflegten gräber zu sehen.


       


    auch das war ein teil meiner trauerarbeit, aber letztendlich habe ich meine trauerarbeit im kinderkrankenhaus geleistet. zwei jahre lang habe ich kranke kinder besucht, die aus verschiedenen gründen wenig oder gar keinen besuch bekamen. viele, egal ob familie oder freunde, konnten es nicht verstehen, dass ich ausgerechnet in "unser" krankenhaus gehen wollte. mir half es aber in kleinen schritten von "meinem" heim abschied zunehmen. außerdem konnte ich so sehen, dass nicht alle kinder sterben, ganz im gegenteil, es sterben nur die wenigsten. auch wenn ich nicht auf unserer station war, half es mir sehr, doch hätte ich es schneller geschafft, wenn ich die möglichkeit gehabt hätte auf unserer station kinder zu betreuen.

    wenn ich heute in unser krankenhaus komme, fühle ich mich immer noch heimisch. es gibt mir immer noch ein stück geborgenheit, wenn ich in den letzten jahren mit meinem pflegesohn dort hin mußte. viele der schwestern, die damals dort arbeiteten, sind nicht mehr da. sicher, das ist ganz normal, aber ich würde sie alle gerne da wissen. jede neue schwester ist für mich ein eindringling, das ist ein punkt den ich wohl nie richtig verarbeitet habe. ich möchte das florians „zuhause“ so bleibt wie es damals war. dann wäre nicht alles erinnerung sondern es gäbe auch noch etwas reales aus dieser zeit.

    florians grab ist mir sehr wichtig, aber ich habe nicht mehr den zwang so oft dahin zu müssen. manchmal habe ich ganz plötzlich das bedürfnis zu ihm zu fahren, und dann führe ich mit ihm ein stilles zwiegespräch, wie schon zu lebzeiten. es vergeht kein tag an dem ich nicht an florian denke, er fehlt mir auch heute sehr. es gibt tage im jahr, an denen der schmerz so überwältigend ist, als sei es erst gestern gewesen, dass wir uns trennen mußten.

    florian wird immer ein teil von mir sein den ich über alles liebe, er ist immer bei mir.

    mein mann und ich haben uns in einer genetischen beratungsstelle untersuchen lassen, doch sagte man uns gleich, dass sie wahrscheinlich nichts finden würden, dass sie noch am anfang der forschung sind. leider kann man nur ganz bestimmte behinderungen diagnostizieren, wie z.b. down syndrom, offener rücken. doch beim lavy - merrit - palmer - syndrom hätte man keine anhaltspunkte die auf nachweisliche genfehler hinweisen. das heißt, sie wissen nicht wonach sie suchen sollten, da man gar nicht weiß wie die kranken gene bei dieser behinderung aussehen. allerdings hätten sie gerne blut von florian gehabt, um genau zu forschen ob sie eine genveränderung finden können.

    auch ich wollte zu lebzeiten von ihm immer die untersuchung durchsetzen, jedoch wurde es von einem oberarzt in unserer klinik abgelehnt. nun war es zu spät.

    die beratungsstelle hat sich alle röntgenaufnahmen zusenden lassen, aber auch sie kamen zu dem ergebnis, dass an der diagnose kein zweifel bestand. meinem mann und mir sagte man, bei syndromen gäbe es ganz unterschiedliche erbgänge. als erstes erklärte uns die ärztin den dominanten erbgang. jeder mensch würde für jedes erbmerkmal zwei gene haben eins von der mutter und eins vom vater. beim dominanten erbgang würde bereits ein einzelnes defektes gen genügen, um eine erkrankung zum ausbruch zu bringen. die wahrscheinlichkeit, dass ein erbkranker dieses erbmal an seine eigenen kinder weitergäbe, betrüge 50%. mein mann und ich haben beide keine wirbelerkrankungen. würde es sich bei florian um einen dominanten erbgang handeln, so wäre die erkrankung bei florian ganz neu entstanden sein. dies wäre bei einer solchen erkrankung nicht unwahrscheinlich, besonders nicht dann, wenn der vater bei der zeugung des kindes das 40. lebensjahr überschritten hatte. dies war bei uns der fall, da mein mann 18 jahre älter ist als ich.

    die zweite möglichkeit wäre der rezessive erbgang. bei einer rezessiv übertragenen krankheit müssen beim kind zwei defekte erbanlagen zusammenkommen, um die krankheit tatsächlich zum ausbruch zu bringen. das hieße, die eltern sind beide erbträger, das erkrankte gen würde aber bei den eltern durch ein gesundes gen ausgeglichen. die wiederholungswahrscheinlichkeit für ein krankes kind betrüge 25%, dass heißt das risiko betrüge 1:3.

    leider konnte man uns aus den röntgenologischen befunden nicht sagen, wie hoch die wiederholungswahrscheinlichkeit ist. wenn es sich bei florian tatsächlich um eine neuentstehung gehandelt haben sollte, so wäre sie praktisch gleich null. im anderen falle aber 25%. im allgemeinen würde man aber sagen, dass bei dieser krankheit die schweren fälle eher rezessiv vererbt werden, bei leichteren fällen gibt es rezessive und dominante. die ärztin hielt es jedoch für nicht verantwortbar, aus den vorliegenden erfahrungen eine erbprognose zu stellen. desweiteren sagte sie, dass ich bei einer erneuten schwangerschaft eine gezielte ultraschalldiagnostik in der 17. bis 20. schwangerschaftswoche durchführen lassen könnte und eine fehlbildung wie sie bei florian vorgelegen hat mit sehr großer sicherheit ausschließen könnte.

    die ärztin hatte uns eigentlich gut zugeredet wieder ein kind zu bekommen, aber wir hatten den eindruck, dass da auch ein interesse besteht um zu sehen ob wieder ein behindertes kind kommt oder nicht. wir fühlten uns zumindest von der beratungsstelle zu einem versuchskanninchen abgestempelt. es wäre egoistisch gewesen, wenn wir noch ein kind in die welt gesetzt hätten. ich bin gegen abtreibungen, aber in einem solchen fall, hätte ich es auch getan.

    ein leben ohne florian, darauf mußte ich mich nun einstellen. aber wie sollte ich das nur tun, wo fängt man damit an, wo ich ihn doch so vermißte. ich wußte nicht wo hin mit meiner liebe, meine gefühle waren so durcheinander geraten, dass ich für mich keinen anfang fand. ich wußte auch gar nicht ob es da überhaupt einen anfang gab. eine vorstellung hatte ich davon nicht, es gab auch niemanden den ich hätte fragen können. ich stand ganz einfach vor einem großen, schwarzen loch...

    wie gerne hätte ich florian jetzt auf meinem arm, ich wollte mit ihm schmusen, ihn küssen. wollte mit seinen fingern spielen und mit ihm reden, doch das alles ging nicht mehr. wie gern hätte ich ihn jetzt gebadet und gecremt, ich liebte es, wenn er glänzte und nach creme roch. ich wollte doch nur mein kind haben, nur noch einmal. aber das hätte auch nichts gebracht, wenn er dann wieder weg gewesen wäre, dann hätte ich wohl wieder gesagt nur noch einmal. immer und immer wieder wäre dieser wunsch dagewesen. auch heute ist dieser wunsch manchmal da, dann setzt der verstand einfach aus und die trauer ist wieder allgegenwärtig.

    es war endgültig vorbei, florian ist tod.

    am liebsten wäre ich nachts auf den friedhof gegangen, und hätte florian aus seinem grab geholt. wenn ich diesen wunsch hatte, schaltete sich mein verstand zum teil aus. ich hatte nur das bedürfnis florian in den arm zunehmen, ihn in seinen kinderwagen zu legen und dann stundenlang mit ihm spazieren zu gehen. der rest verstand setzte dann wieder ein, und mir wurde bewußt, dass das nicht geht. und der schmerz des verlustes holte mich ein. manchmal dachte ich, ich müsse durchdrehen, wußte wirklich keinen anfang zu finden, ohne florian weiterzuleben. mutter sein war für mich so erfüllend, ich wollte weiterhin für florian verantwortung tragen können. ich war sehr froh, dass ich dominik, unser patenkind, hatte aber es war nicht florian. dominik setzte ich in florians kinderwagen und ging mit ihm spazieren, es war der erste spaziergang mit florians wagen. ich versorgte ihn, konnte mit ihm schmusen und spielen. eine mutter kann man nicht einfach austauschen, und ein kind auch nicht!

    im ersten moment hat es mich nicht belastet, ich dachte, es ist doch nur ein gegenstand, egal ob er rumsteht oder einmal gebraucht wird. doch schon sehr bald verstärkte sich mein gefühl, dass hättest du mit florian tun können, es ist sein kinderwagen. von da an, waren mir seine sachen, für einige zeit heilig.

    sicher, es hat mir sehr geholfen, dass dominik bei mir war und ich bin dafür auch sehr dankbar. ich sorgte für ihn, denn er war auch noch klein und brauchte meine aufmerksamkeit, aber alles was nicht mit ihm zu tun hatte war mir eben egal. mein patenkind konnte ja nicht für immer bleiben, solange er da war bekam er alle liebe aber danach war ich eben wieder alleine. ich hatte zu nichts lust, der haushalt und alles andere war mir gleichgültig. ich wollte immer nur über die letzten monate und über florian reden, doch es hatten sich so viele bekannte zurückgezogen, und mein mann fraß alles in sich rein. die übrig gebliebenen freunde und familienmitglieder mußten sich ständig florians geschichte anhören. damit bin ich ihnen bestimmt oft auf die nerven gegangen, aber sie haben sich nie etwas anmerken lassen. der schmerz war so unermeßlich groß, und ich fragte mich immer wieder, wer mich wohl verstehen könnte. zu lebzeiten von florian hatte ich mir schon geschworen, mich nicht zuhause hinzusetzen und den kopf in den sand zu stecken. also beschloß ich, mir selbst zu helfen, denn es kommt bestimmt niemand und füllt mir meine leere.

    zuerst schrieb ich eine anzeige in die zeitung, das ich verwaiste eltern suchte um mit ihnen über ihre erfahrung zu sprechen. ich wollte mit eltern sprechen die genau wie ich ihr kind verloren hatten, denn wer könnte denn sonst meine gefühle verstehen, gott sei dank, können es nur betroffene eltern. jeder kann sich vorstellen das es schlimm ist ein kind zu verlieren, aber nachempfinden kann man es nur, wenn man es selbst erfahren hat. es riefen auch einige verwaiste mütter an, doch es kam nie zu einem treffen, weil meist die männer nicht damit einverstanden waren das sie alles noch einmal aufwühlen. ich fragte mich zwar, warum sich diese frauen das verbieten ließen, sie wollten doch reden, aber mir blieb ja nichts über als es zu akzeptieren. außerdem riefen mich zwei oder drei leute an, die mich bekehren wollten, ich weiß nicht welchen glauben sie vertreten haben. auf jeden fall, taten diese anrufe sehr weh, ich hatte schon meinen glauben und das sich irgendwer aus meiner not solche anrufe zutraute war mir unverständlich. später ging ich nicht mehr ans telefon, warum konnte man mich nicht in ruhe lassen, was ich wollte stand in der anzeige deutlich drin.

    als florian noch am leben war, hatte ich einmal den einfall gehabt mich um kinder zu kümmern die wenig oder gar keinen besuch bekamen, jetzt versuchte ich es umzusetzen. zufällig stand ein artikel in der zeitung, über einen verein der sich um kranke kinder kümmert. es war, als hätte man meine gedanken gelesen und meine not irgendwo wahrgenommen. also rief ich bei der angegeben telefonnummer an, und wir machten einen termin aus. ich lernte doris kennen, sie war früher selbst kinderkrankenschwester und hatte zwei kinder. bei unserem ersten treffen erzählte ich meine geschichte und warum ich mich für den besuchsdienst interessiere. ich erfuhr, daß in unserem krankenhaus schon ein paar damen sich um kranke kinder kümmerten, und ich fing schon ein paar tage später an, ehrenamtlich zu arbeiten. in unserem krankenhaus!

    doris und ich beschlossen den besuchsdienst weiter auszubauen, und nach einigen anfangsschwierigkeiten lief alles gut an. da es auch im sinn des vereins ist, krankenhäusern spielsachen und der gleichen zu spenden, brauchten wir natürlich auch gelder. da ich jetzt so viel unausgefüllte zeit hatte, beschloß ich spendengelder von verschiedenen stellen zu sammeln. doch leider war unsere gruppe nur an den bundesverband angeschlossen und keine eigene ortsgruppe. ich bestand darauf, das wir einen eigenen verein gründeten und somit auch gemeinnützig wären.

    wenn wollte ich für die kinder wirklich etwas gewinnen, darum ließ ich auch nicht locker und wir setzten es um. meine ganze energie und zeit setzte ich in den verein, es war keine flucht, ganz im gegenteil ich war immer mit den letzten monaten konfrontiert. den größten teil der trauerarbeit leistete ich mit dieser arbeit. ich brauchte das einfach, ob das nun von vielen verstanden wurde oder nicht. es waren die wenigsten die mir den rücken stärkten, einige sagten, dann kannst du doch besser für geld arbeiten gehen, wieder andere sagten, ausgerechnet in das krankenhaus. mir war ja nicht egal was ich tat, ich mußte etwas tun was mich erfüllte, was mir spaß machte und wo ich etwas gutes tun konnte. außerdem war ich in dem haus bekannt, und es tat gut vertraute gesichter zu sehen oder auch einmal ein paar worte über florian zu reden. hier konnte man mich verstehen, da jeder wußte was gewesen ist, ich mußte nichts erklären.

    zwei jahre machte ich den besuchsdienst, und ich kann nur sagen, daß das der richtige weg für mich war. ich habe mich wirklich viel mit florians tot auseinander gesetzt, und mir ist klar geworden, daß florian es bestimmt nicht gewollt hätte, dass ich seelisch sterbe. außerdem hätte es florian nichts genützt, wenn ich nicht mehr am leben teilnehmen würde. und mein herz schlug ja noch, ich mußte mich entscheiden was ich wollte, leben, seelisch sterben oder den tot wählen. der tot war mir zu feige, seelisch verkümmern wollte ich auch nicht, also blieb das weiterleben und so habe ich die zeit im krankenhaus, nach florians tod, genutzt und hart an mir gearbeitet. ich mußte irgendwie mit meiner trauer fertig werden, und ich trauerte, wie viele frauen auch, sehr offen. mein mann redete nicht viel über florian, er ging seiner arbeit nach und in seiner freizeit hatte er auch immer genug zu tun. wir fanden keine basis die trauer miteinander zuverarbeiten. es kamen immer mehr konflikte und jeder ging seinen eigenen interessen nach, wir lebten aneinander vorbei. zwei jahre nach florians tod gingen wir gemeinsam zur kur, da wir unsere ehe nicht als gescheitert sehen wollten.

    ich habe natürlich noch an mir gearbeitet, das wichtigste für mich war, daß ich merkte, das ich es nervlich überhaupt nicht geschafft hätte wieder ein kind zu kriegen. die ganze zeit über hatte ich meinen mann gedrängt wieder ein kind zu bekommen, doch er hatte keinen mut mehr. überall sagte man mir ich solle es wieder riskieren, es waren ärzte, freunde, betroffene eltern, ja und ich selbst wollte mich nicht damit abfinden keine mutter mehr zu sein. ich wollte ein gesundes kind kriegen, so wie andere frauen auch. es gab bei uns nie die schuldfrage, von wem er die mißbildungen haben könnte, aber ich wollte mir auch beweisen, das ich ein gesundes kind bekommen kann. auf jeden fall habe ich in der kur eingesehen, das ich die neun monate nie überstehen könnte, ich wäre verrückt geworden. ich mußte mich also damit abfinden kein kind mehr zu haben.

    wir hatten zwar nach florians tod einen adoptionsantrag gestellt, aber man sagte uns gleich, dass das jahre dauern kann und da mein mann um einiges älter ist als ich, würden die chancen für ein kleines kind schlecht aussehen. also blieb mir nicht viel hoffnung je wieder ein kind zu haben...

    zwei tage nachdem ich in der therapie für mich herausgefunden hatte kein kind mehr zu bekommen, klingelte bei uns im zimmer gegen mittag das telefon. es sollte wohl so sein das ich im zimmer war. es meldete sich das jugendamt, ich war ganz verwirrt, denn es wunderte mich, denn sie hatten eigentlich gar keine telefonnummer von uns bekommen. doch auf umwegen hat unser sozialarbeiter die nummer herausbekommen, und teilte mir mit das sie ein kind für uns hätten!

    viel reden konnte ich nicht, ich war wie gelähmt, meine freude war zu groß als das ich noch viel fragen konnte. alles was ich wußte war, es ist ein junge, daß das kind noch im krankenhaus ist, er sei erst einige wochen alt und ich sagte ja zu einem treffen, an dem die behandelnden ärzte und das jugendamt anwesend wären. dann legte ich auf. mein mann war gerade bei der massage, ich lief runter und teilte ihm alles mit was ich wußte. er freute sich natürlich genauso wie ich, die massage war damit beendet, denn mein mann sprang vom massagetisch und zog sich schnell an. die masseurin freute sich mit uns. er rief gleich noch einmal das jugendamt an und wir bekamen den termin noch am selben tag mitgeteilt. es sollte drei tage später stattfinden.

    für mich war es wichtig, daß ich die einsicht mit dem eigenen kind, drei tage vor der guten nachricht, bei mir kam. nachdem ich wußte, daß wir ein kind bekämen, wäre es leicht gewesen zu sagen, ich will kein eigenes mehr. ich hätte mich vielleicht selbst belogen, denn so konnte ich sicher sein, das unser zweites kind kein ersatz sein wird. florian war ein eigener mensch und dies soll er bleiben.
    wir fuhren also donnerstags, drei tage nach der glücklichen nachricht, in die kinderklinik in der der kleine junge war. zum vereinbarten termin waren mein mann und ich auf der station und warteten auf den arzt und unseren sozialarbeiter des jugendamtes.

    ich beobachtete eine schwester, die gerade in ein zimmer ging an dem wir standen. dort lagen drei kleine babys, und ich war mir sofort sicher, das baby in der mitte ist „unser baby“. mein mann sagte, woher willst du das wissen die ganze station ist voller babys? ja, woher wollte ich es wissen, es war ein gefühl. die schwester nahm ihn aus seinem bettchen und gab ihm die flasche, dann wurde ich unterbrochen, denn der herr vom jugendamt und der arzt kamen auf uns zu. nach der vorstellung und der begrüßung gingen wir in ein büro und wir erfuhren die vorgeschichte des kindes. der arzt meinte, wir sollen ihn in aller ruhe kennenlernen und uns dann entscheiden. so gingen wir gerade zu in das zimmer wo ich die schwester beobachtet hatte, und der arzt zeigte uns das baby in der mitte der drei bettchen.

    - nach vier stunden gaben wir dem arzt bescheid, dass wir uns für ihn entschieden haben. die ganze zeit über waren wir alleine mit ihm, ich durfte ihn sofort alleine versorgen. –

    aber erst am samstag holten wir ihn aus der klinik nach hause, da ich erst die kur abbrechen mußte. mein mann beendete sie alleine. sicher, ich war durch unser zweites kind abgelenkt und dadurch dachte ich nicht mehr ununterbrochen an florian, doch ich kann sagen, das es kein fliehen war.

    vier jahre nach florians tod sind wir in eine andere stadt gezogen, und ich habe sehr darunter gelitten, das ich nicht jederzeit auf den friedhof konnte (da ich keinen führerschein hatte). ich wollte florian zu uns holen, auf unseren neuen friedhof, doch mein mann war dagegen, er meinte, wir sollten florian ruhen lassen. doch ich vermißte ihn so sehr, einerseits war ich der gleichen meinung doch tat es so weh. es war mein egoismus, ich wollte mich nicht von ihm trennen, wollte ihn bei mir haben. heute bin ich froh, das mein mann nicht nachgegeben hat und florian dort geblieben ist. es tut immer noch weh, aber in der zwischenzeit habe ich meinen führerschein gemacht und ich kann zu ihm wenn ich möchte.

    mein mann und ich haben keine basis gefunden die ehe zu retten, wir sind heute geschieden, jeder hat sein eigenes leben. doch eins werden wir immer gemeinsam haben und es verbindet uns miteinander, die liebe zu unserem sohn florian.

    die erfahrungen, die wir durch florians leben haben, bleiben ein leben lang bestehen, egal welche, wir haben sie zusammen gemacht, jeder auf seine weise. aber eins bleibt klar, unsere sorge und aufmerksamkeit galt florian.