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die letzte nacht war alles andere als ruhig, der sauerstoff wurde auf das
maximale von 100% erhöht und die atemstöße mußten gesteigert werden.
am morgen des 9. märz konnten die ärzte den sauerstoff etwas zügeln.
die lungenentzündung hat sich über nacht weder verschlechtert noch
verbessert gehabt. Auch, wenn es für mich keine nachricht zum jubeln war
konnte ich zufrieden sein, dass sich die lungenentzündung nicht auf beide
seiten ausgebreitet hatte. ich mußte lernen in kleinen dimensionen zu
denken, mußte mit jeder kleinigkeit zufrieden sein und das gute sehen. dort
sagte ich mir zum erstenmal, du mußt positiv denken!
sonst wäre ich wohl auch unter gegangen, es war reiner überlebungstrieb, an
irgend etwas mußte ich mich klammern. ich wurde härter zu mir selbst, sagte
mir immer, stell dich nicht so an. wäre es eine andere mutter, dann würde es
mich zwar nicht so nah berühren aber es wäre genauso schlimm.
und warum nicht ich?
warum sollte es lieber eine andere mutter treffen?
wer würde mir das recht geben so zu denken?
nein, so wollte ich auf gar keinen fall denken, nein, es hat mich getroffen
und es wird seinen grund haben und ist somit o.k..
das war für mich ein großer schritt der trauerarbeit die ja schon zu
lebzeiten von florian anfing. die herausforderung durch florians leben, hat
mich über mich selbst hinauswachsen lassen, erst da habe ich meine grenzen
kennengelernt. ich habe gelernt, wenn man muß kann man viel leisten und
ertragen.
am 10. märz war florian sehr apathisch, er bekam deshalb weniger
chloralhydrat. sein sauerstoffverbrauch war noch ziemlich hoch und die
atemstöße der maschine nochmals gestiegen.
der 12. märz war dann wieder etwas besser, florian hatte tagsüber wenig
geschlafen. ich habe florian gebadet und der sauerstoff konnte etwas
reduziert werden.
am folgenden tag war der husten sehr schlimm, aber florian wirkte trotz
allem zufrieden. florian hat viel gespielt und er war lange wach. er
brauchte heilnahrung, da er starken durchfall hatte. wenn es nicht so
traurig wäre, würde ich sagen bei uns war es nie langweilig. aber wie sehr
hätte ich mir mal die langeweile gewünscht!
die lungen waren zwei tage später fast frei, florian war über dem berg.
mein gott, auf und ab ohne ende. oft hatte ich das gefühl, gleich kippst du
um du bist am ende.

er brauchte etwas zum schleim lösen. ansonsten war sein gesundheitszustand
stabil, der sauerstoffverbrauch war zwar hoch aber stabil.
ab dem 16. märz wurde florian dreimal täglich von der krankengymnastin
abgeklopft, so daß sich der schleim in den lungen löste. dies nützte auch
etwas, das chloralhydrat, und der sauerstoff konnten reduziert werden.
es wurde florian blut abgenommen, doch es war zum glück alles in ordnung.
schon wieder konnte das chloralhydrat reduziert werden. die ärzte probierten
ob florian mit weniger auskam. dadurch weinte er viel, auch am nächsten tag
war er schwer zu beruhigen gewesen.
für mich artete das alles in streß aus, den ganzen tag eingeschlossen auf
der intensivstation und florian forderte alles von mir, da er ja nur am
weinen war. nichts gefiel ihm, mit nichts konnte ich ihn beruhigen, aber die
möglichkeiten waren dort auch sehr begrenzt. zuhause wäre ich mit florian
spazieren gegangen, aber außer baden, auf den schoß nehmen, mit ihm schmusen
oder spielen gab es eben nichts anderes.
obwohl es florian am 19. märz den ganzen tag gut ging, ist sein puls beim
tubus kleben auf 30 schläge heruntergegangen. die schwester rief die ärzte,
jetzt mußte alles sehr schnell gehen. an meinem kleinen kind wurde, in
meinem beisein, herzmassage durchgeführt.
.... es war furchtbar !
gut war, dass ich im raum bleiben durfte, auch, wenn es scheußlich ist das
mit ansehen zu müßen, konnte ich selbst entscheiden ob ich bleiben oder
gehen will. nach kurzer zeit bin ich dann raus, weil ich merkte, das ich
sonst zusammen klappen würde. die ärzte mußten sich jetzt um florian
kümmern, da können sie sich nicht noch um eine nervlich fertige mutter
kümmern. auf dem flur tröstete mich dann eine andere mutter. im selben
augenblick kam der professor und ich flehte ihn an florian zu retten, doch
er wußte nicht ob es möglich war.
er war selbst hilflos in dieser situation.
jetzt mußte ich sehen, das es keinen menschen gibt, sei er noch so
qualifiziert, der den tot aufhalten kann. sicher gibt es genug fälle in
denen es geht, aber eben auch die kehrseite der medaille. doch, und das zum
glück, haben das nicht wir in der hand.
keiner sollte sich als gott aufspielen, und ich kann sagen, dass ich das nie
erleben mußte.
auf der station, auf der sich schwerkranke kinder befinden, ist das
verständnis zwischen den eltern groß. es hat mir sehr geholfen, dass sich
die mutter um mich gekümmert hatte. ohne sie wäre ich wohl auch auf dem flur
zusammengebrochen.
auch wenn die medizin schon viel kann, die ärzte stehen bei einigen
krankheiten und behinderungen schnell vor ihren grenzen. doch sie schafften
es florian zu retten, seine herztätigkeit stabilisierte sich wieder.
florian bekam zur sicherheit eine infusion gelegt, falls wieder etwas
passieren sollte, hätte man florian gleich etwas verabreichen können.
er hat es noch einmal geschafft, ist dem tod wieder entwichen!

florian wurde bei verschiedenen ärzten, von anderen kliniken, vorgestellt.
florians patin die gerade medizin studierte, gab seine unterlagen an ihren
professor der dies auswertete. wir selbst stellten ihn, auch anhand florians
unterlagen in einer nahegelegenen uniklinik vor. aber keiner wußte weiter.
ich war so verzweifelt.
niemand konnte florian helfen, keine operation, kein medikament und keine
therapie, nichts.
am anfang meinten die ärzte man könnte eventuell eine zwerchfellraffung
durchführen, aber später waren sie der meinung es würde nicht viel bringen
und florian würde die operation nicht überleben. keiner wagte sich, ihn zu
operieren.
florian hatte eine reine zwerchfellatmung, was bei kleinen babys normal ist.
aber nach ein paar wochen geht die zwerchfellatmung weg, bei florian blieb
sie. wäre das zwerchfell gerafft worden, hätten die lungen mehr platz
gehabt, sich zu entfalten. durch die mißbildungen der wirbelsäule war der
brustkorb zu klein, und die lungen haben zu wenig platz gehabt.
am nächsten tag, dem 20. märz, fand ich ein verändertes kind vor, als ob
nichts passiert wäre lag er in seinem bett. die herztropfen (lanitop) wurden
reduziert. florian war wach als ich zu ihm kam, sein puls ging beim absaugen
herunter, aber es geschah nichts gefährliches. die infusion lief den ganzen
tag noch weiter. alle wollten auf nummer sicher gehen. nach all den
strapazen die florian hinter sich hatte, wurde er sehr ernst. früher hatte
er gelacht, doch die zeiten schienen vorbei zu sein.
was hatte er auch zu lachen?
könnte ich noch lachen, wenn so viel hinter mir liegen würde?
er ist doch erst wieder einmal mit dem leben davon gekommen, und das nicht
zum erstenmal. gerade an diesem tag vermißte ich mein lachendes, plapperndes
und aktives kind. mir wurde klar, dass es wohl nicht mehr lange dauern würde
bis florian seinen frieden findet. die ersten krassen zeichen wurden vom tod
gesetzt, es war nicht mehr zu leugnen.
am 21. märz konnte die infusion entfernt werden, auch bekam er keine
herztropfen mehr. der sauerstoffverbrauch konnte heruntergesetzt werden. ich
hatte eine verschnaufspause, aber durch die ständige ungewißheit konnte ich
sie nicht genießen.

auch am darauffolgenden tag konnte der verbrauch des sauerstoffes nochmals
reduziert werden. er hatte so viel geweint, wollte nicht auf den arm,
sondern nur seine ruhe haben oder schlafen. es war nicht sein tag.
beim baden wurde er ruhig, aber danach schlief er sofort wieder ein.
am folgenden tag mußte morgens wieder der tubus neu geklebt werden, der puls
ging herunter aber nicht in den kritischen bereich. auch an diesem tag
wollte er nicht auf den arm, nur einmal ganz kurz konnte ich ihn nehmen.
sonst weinte er nur, aber vielleicht auch, weil er morgens blut abgenommen
bekam und ein ekg geschrieben worden war. alles war streß für ihn, jede
kleinigkeit. vielleicht waren es auch nur vorwände meinerseits, vielleicht
war mir der tod zu nah.
sein körper war ziemlich aufgeschwemmt, wenn doch nur die organe arbeiten
würden solange er lebt. es war furchtbar zu sehen, wie sein körper sich
verändert, florian war nicht mehr er selbst. abhängig von maschinen, von
medikamente und nichts in ihm und an ihm ist wie es war.
an diesem tag sprachen wir mit dem professor, mein mann und ich teilten ihm
mit, das wir keine wiederbelebungsversuche an florian haben wollten. wir
waren der ansicht, wenn florians körper sterben will, soll er es auch
dürfen. alle versuche gegen den tod, ist ein verzögern und das heißt,
weitere qualen für florian. außerdem war es furchtbar mit anzusehen wie an
florian herzmassage praktiziert wurde. niemals würde ich es erlauben, das an
einem menschen der mir nah ist herzmassage gemacht wird, d.h. nur in
aussichtslosen fällen.
wir liebten ihn und deshalb mußten wir ihn auch freigeben, es wäre doch
egoistisch von uns gewesen, wenn wir es zugelassen hätten, ihn immer wieder
zurückzuholen. unsere ansicht wurde von den ärzten akzeptiert und auch
geteilt, zumindest in florians fall. doch muß ich heute sagen, das egoismus
auch bei diesem wunsch von unserer seite aus mitgespielt hat, denn wir
konnten auch nicht mehr. unsere kraft war am ende. damals war mir dies
allerdings völlig unbewußt.
am 24. märz hatte florian solche blähungen, dass ein darmrohr gelegt werden
mußte. doch auch das half nicht viel, er bekam dann levax, damit sich keine
neuen blähungen bilden konnten. das daraufhin durchgeführte ultraschall,
blieb jedoch ohne befund.
in den letzten tagen machte ich mir immer mehr gedanken über florians
situation, ich hatte das gefühl, man müßte dem allem ein ende setzen. ich
bat einen arzt, um aktive sterbehilfe bei florian.
ja, ich wollte ein ende...
es war ein ruhiges gespräch, er sagte, er könne es nicht, er hätte zu viel
um florian gekämpft. ausserdem kam ja auch noch die rechtliche seite, die
eindeutig aktive sterbehilfe verbietet.
seine aussage „er hätte so viel um mein kind gekämpft“, gab mir ein tiefes
gefühl.
ich wußte dieser arzt hat florian auf seine weise gern, er kann nicht
aufgeben und florian hat ein recht auf leben, egal wie.
wer gibt uns auch das recht über leben und tod zu entscheiden (mal ganz
abgesehen von der juristischen seite)?
er hatte wohl recht, doch ich sah nur ein hilfloses, leidendes und krankes
kind.
mein kind.
am vortag wurde eine röntgung vorgenommen. der professor sagte, die lungen
wären nicht mitgewachsen. florian hätte keinerlei überlebungschancen, er
hatte wieder eine lungenentzündung und das antibiotika schlägt nicht mehr
an. es hieß, es wäre nur noch eine frage der zeit wie lange florian noch
leben würde. alle organe sind in mitleidenschaft gezogen worden. trotz allem
wirkte florian zufriedener. jetzt war es amtlich, keine überlebenschance,
meine welt brach wieder zusammen. ich weiß nicht was ich erhofft hatte, ich
wußte doch das florian sterben mußte, aber anscheinend wollte ich nicht, das
noch mehr negative aussagen kommen. ich wußte er wird sterben und trotzdem
zog mich dieses
-keine überlebenschance-
völlig herunter.
in der nächsten nacht war der puls stabil, auch als die ärzte ihn morgens
neu intubierten, ging der puls nicht herunter. die schwester hatte ihn
gebadet, weil alles sehr schnell gehen mußte, er wurde dabei bebeutelt.
florian brauchte immer noch medikamente gegen blähungen, wie schwach mußten
seine organe schon sein.
mittags schlief er auf meinem arm, ich war so deprimiert, es hätte das
letzte mal sein können, daß ich die möglichkeit gehabt hätte florian zu
baden.
auch am 26. märz ging es ihm noch nicht besser, es war so furchtbar sein
kind im arm zu halten, das kein lebenszeichen von sich gab.


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